Nach dem tod … die frage der woche

7 07 2010

„Bester Herr Monet!

Aufgrund der drückenden Schwüle ersehne ich heute Erkenntnisse zu leichteren Themen: Was kommt nach dem Tod? Fäulnis, Hölle, vierzig Jungfrauen oder was Schönes?

Ergebenst der Antwort entgegenhoffend,

Frau Minkasia

Zuerst einmal ein herzliches danke für diese wunderbare frage, Frau Minkasia. Es ist mir eine ehre, ihren diesbezüglichen wissensdurst paradigmatisch zu stillen und beginne sogleich mit dem TOD.

Der tod ist eine erfindung des menschlichen geistes und bezieht sich vor allem auf eine dichotomische spaltung der wahrnehmungskategorie eines phänomenologisch diskreten „ding“ in „belebt“ / „unbelebt“, also eine algorithmische bewertungsfunktion im neurologischen arbeitsfeld. Es geht hier um eine abgrenzung der menge an „ding“, um eine effiziente verarbeitung und auswahl von entscheidungsgrundlagen sowie um das eingrenzen präintentionaler handlungsspielräume eines aktors (mensch).

Dabei steht die verbesserung der animistisch hinterlegten intentionssuche fremdgelegener (außerkörperlicher) „ding“ im vordergrund.

Die gefundene kategorie „belebt/unbelebt“ wird meistens als prädikat der (oft) logisch aufgebauten bewertungsfunktion einer möglichen folgenden aktion vorangestellt und versucht damit das ergebnis der vorausschauenden wirkungsabschätzung / überführungsfunktion bzw. deren wahrscheinlichkeitgrad zu erhöhen.

Ein beispiel wäre das betrachten eines steins und der versuch herauszufinden, was dieser („ding“) von einem aktor will. Hierbei erübrigt sich das nachdenken völlig, wenn das prädikat „… ist unbelebt“ vorangestellt wird und damit eine mögliche selbstgesetzte handlung bzw. intention des steins wegfällt, das denken wird also ökonomischer. Ganz anders wäre der fall bei einem löwen gelegen.

Die unschärfe dieser dichotomie verursacht bekannte probleme bei stochastisch auftretenden naturphänomenen, wie blitzschlag („was will dieser blitz von mir?“), lawinenabgang („was will diese lawine von mir?“) und der damit verbundenen motivationslücke in der herleitung des urgrundes („was hab ich getan, dass mich diese lawine essen will?“).

Weitere überlegungen würden nun in den bereich der „feasibility“ einer allgemeinen beurteilung des funktionsraumes der kategorischen bewertung führen und sind somit nicht mehr thema dieses aufsatzes.

Es folgt aus einer überführung der oben besprochenen idee in die vorstellung eines kartesischen körper-geist-dualismus (cartesian theater), der aber mittlerweile als (zwar nicht widerlegt, aber) sehr unwahrscheinlich gilt – siehe hierzu Dennet (1991), eine mögliche frage, eben die, die sie mir hier stellten: „Was kommt nach dem Tod?“.

Lakonische antwort meinerseits: Es kann nicht so schlimm sein, da noch keiner zurückgekommen ist, um sich zu beschweren.

Darüberhinaus bin ich der meinung, dass die rein materialistisch-orientierte behandlung des themas eine viel entspanntere lebensführung zulässt (was viele als paradox erachten, aber leckt mich leute), verzeihen sie mir also, wenn ich sage, für mich bin ich in dieser hinsicht ein stein und die frage nach geburt und tod stellt sich nicht. Der liegt mehr oder weniger lang irgendwo in der gegend rum und erodiert so vor sich hin. Eine wunderbare behandlung des themas und vermittlung meiner einstellung in zen-mystischer weise durch Linji (1996) eröffnet sich einem beim lesen zum beispiel dieses kōans:

„Ihr alle, im Buddha-Dharma braucht ihr neuch nicht künstlich anzustrengen; seid nur gewöhnlich, ohne irgendwelche Ansichten. Scheißt, pisst, zieht eure Kleider an und esst. Legt euch nieder, wenn ihr müde seid.“

Ich hoffe, alles ist nun unklar. Bezüglich einer kulturkritik des weit verbreiteten dualismus fiele mir noch Pinker (2002) ein. Eine (englischsprachige) philosophische einführung in das thema TOD („Death“) von Prof. Shelly Kagan, Yale University (2007) wär auch empfehlenswert.

Referenzen

Dennett, D. C. 1991. „Consciousness Explained“, New York: Back Bay Books, pp 33 – 42 & pp. 101 – 138.

Linji Yixuan 1996. „Das Denken ist ein wilder Affe – Das Linji Lu“, O.W. Barth Verlag.

Pinker, S. 2002. „The Blank Slate – The Modern Denial of Human Nature“, New York: Penguin Books.

Kagan, S. 2007. „Death“, http://academicearth.org/courses/death, Yale University.

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Und nichts weiter …

8 05 2009

wenn einmal dereinst dein letzter schlag ertönt – mein herz
vergib mir meine ausschweifungen
die dich früher oft nah an deine grenzen trieben
tapfer hast du geschlagen
fest und unverzagt

doch muss ich nun die wahrheit sagen
ich glaube nicht
an eine seele, einen geist
der in dir wohnt

wenn dereinst dein letzter schlag ertönt
wirst du ruhen und zerfallen und dein haus rundum mit dir
zu staub werden
zur erde zurückkehren
und nichts weiter

vor meiner geburt war ich tot
nach meinem tod bin ich es wieder
es hat mich vorher nicht gestört
und wird’s auch nachher nicht

ich glaube an keinen dualismus
von körper und geist und damit ist eigentlich
schon alles gesagt
doch möchte ich noch etwas klarstellen

ich brauche keinen schöpfer
keinen großen bruder, der überall zugegen ist,
der meinen gedanken belauscht in einem ewigen lauern
mich zur hölle fahren zu lassen

sollen die doch davon träumen oder sich fürchten (zur hölle zu fahren)
die solchen ängstlichen phantasien etwas abgewinnen können
vielleicht weil sie fürchten, sie könnten sonst keine guten menschen sein
oder könnten keine moral und ethik besitzen
würde eine mächtige allesverschlingende gewalt
ihre seele nicht zur strafe quälen

jene, die eine ewige folter als sinnstiftend empfinden
oder ein ewiges frohlocken, vielleicht ein ewiger rausch
ihnen möge doch bitte geholfen werden
jene, die ihr leben nicht mit sinn und freude anfüllen können
die glauben, kein schmerz und keine trauer könnte gelindert werden
kein atemzug frei getan, gäbe es eine seele nicht, ein leben nach dem tod,
ein paradies, einen oder mehrere götter,
sind kinder
sie brauchen einen trost, den sie sich wie eine gütige mutter
herbeiweinen können
sie sind im leiden gefangen
im materialkrieg der evolution
reicht einem niemand die hand
meinen sie
könnte es kein mitleid geben und keine hilfe

danach, dahinter, später
dort vermuten sie ihre gerechtigkeit
dort darf sie nur sein
doch dort oben
drehen sich nur die sterne, die planeten
brennen atomare feuer
wirken unbeschränkte kräfte

wir selbst
wir menschen
sind tiere
anhäufungen von zellen
sind bakterien
sind die erben
einer vervielfältigungsmaschine
vor milliarden von jahren entstanden
nicht erschaffen
nicht herbeigezaubert
so seht das doch

wir tragen unsere verantwortung ganz alleine
wann werden wir erwachen, uns den rotz von der nase wischen
und uns umsehen
alles um uns ist SO (es ist doch alles da)
kein wunder
keine magie
keine erhörten gebete
wer loslassen kann
sich in die freiheit des lebens hinaustraut
wird nach dem ersten tasten und fürchten
eine welt entdecken
die viel wunderbarer und erfüllender ist
als aller glaube an götter und magie je sein kann
wir sind das leben
unsere zellen gehorchen uns nicht
sie gehören uns nicht

und gehen wir dereinst
kommt unser kreislauf zur ruhe
so ärgert euch nicht
niemand hat euch angelogen
ihr hättet die wahrheit immer sehen können
klar und deutlich habt ihr sie vor augen

seid euch sicher
ich verstehe euer leiden
genauso wie ihr das leiden
anderer versteht
empathie und moral ist uns angeboren
ist ein instinkt
das helfen steckt in jedem von uns
wie die sprache
wie die vernunft
wie das sehen
und das hören

seid vernünftig
seht doch wer ihr seid
klopfende herzen
wunderbar
wieviele wunder braucht ihr noch
mir ist dieses alles
das größte und einzige wunder
eine symphonie, die sich selbst schreibt
und sich selbst hört
eine vollkommene leere
die alles ausfüllt
würde ich daran etwas ändern wollen,
herbeiwünschen, herbeibeten,
was für ein kleinlicher mensch wäre ich
ein spiegel voller staub
ein vogel der nicht fliegen will

darum höre: wenn dereinst dein letzter schlag ertönt – mein herz
wirst du ruhen und zerfallen und dein haus rundum mit dir
zu staub werden
zur erde zurückkehren
und nichts weiter
und nichts weiter