Das Gottesurteil

29 11 2007

Trüber Novembermorgen. Habe falsch geparkt. Bekomme Strafmandat. 21 Euro.
Will nicht zahlen.

Zwei Wochen später. Bekomme Anzeige. Jetzt 35 Euro.Will nicht zahlen. Schreibe Einspruch.

Vier Wochen später. Einladung aufs Amt. Oder 60 Euro.

Trüber Dezembermorgen. Bin am Amt. Man macht aus mir eine Nummer. Schaue auf die Uhr. Bin keine schnelle Nummer.

Bin dran. Gehe zur Tür. Klopfe an.

Stille.

Gehe rein. Amtsvorsteher sitzt in finsterer Amtshöhle und starrt auf seine leeren Hände.

Bedrückend.

„Guten Tag!“ sage ich.
„Grüß GOTT!“ sagt er.

Amtsvorsteher fummelt an einer Fernbedienung herum und ohrenbetäubende Musik ertönt. Chor. Orchester. Requiem Aeternam. Adagio. D-Moll.

„Was is los?“ fragt Amtsvorsteher.

„Ich erhebe Einspruch gegen die Strafe wegen meines Falschparkens“, sage ich.

„Sowas machma nimma,“ erwidert Amtsvorsteher. „Einsprüche, Berufungen, erste Instanz, zweite. Dauert viel zu lange. Ist viel zu kompliziert. Bürokratieabbau. Verstehen sie? Kommt von ganz oben.“

„Was machen Sie stattdessen?“ frage ich.

„Gottesurteil“, meint er.

„Ja dann los“, sage ich.

Amtsvorsteher klatscht in die Hände. Kessel mit kochendem Wasser wird hereingetragen. Amtsvorsteher sagt, ich soll einen Euro reinschmeißen in das kochende Wasser.

Ich schmeiß rein.

Amtsvorsteher sagt, ich solle den Euro jetzt wieder rausholen.

Ich greif rein in das kochende Wasser.

„Ah!“ Mein Arm. Tut Weh. Hab den Euro.

„War das alles?“ frag ich.

Amtsvorsteher schüttelt den Kopf. Mein Arm wird mir verbunden.

„Kummans in einer Woche wieder! Wenn die Wunde eitert, sind sie des Parkvergehens schuldig. Wenn net … net.“

Eine Woche später. Ich komme wieder. Bin wieder eine langsame Nummer. Amtsvorsteher starrt wieder in seine leeren Hände. Ich betrete die dunkle Höhle. Amtsvorsteher dreht Musik wieder richtig laut auf.

3. Sequenz des Requiems: Rex Tremendae in G-Moll.

„Wer ist gestorben?“ frag ich.

Amtsvorsteher lässt nur schweigend den Verband vom Arm nehmen. Arm sieht schlimm aus.

Amtsvorsteher sagt: „Da is Eiter.“

Ich sage: „Nein. Das sind nur Hautfetzen.“

Er sagt: „Na, des is Eiter.“

Ratsch. Ziehe Hautfetzen runter und zeige ihn Amtsvorsteher.

„Hautfetzen,“ sage ich.

Amtsvorsteher ist nicht sicher, ob ich das Gottesurteil bestanden hab. Findet ich habe eher Eiter als nicht. Findet ich soll die Strafe zahlen.

Ich finde nicht. „Gibts da nicht noch irgendwie eine Möglichkeit?“ frage ich. „Vielleicht …
noch ein Gottesurteil?“

Amtsleiter ist begeistert und lässt 10 glühende Pflugscharen holen, über die ich barfuß laufen soll.

Ich gehe mit zischenden Füßen über die Pflugscharen.

Eine Woche drauf: Amtsvorsteher ist sich wegen Eiter wieder nicht sicher. Ich will noch ein Gottesurteil.

Ab jetzt wöchentliche Gottesurteile.

In der Amtskantine stecke ich meinen linken Arm in einen Pizzaofen. Pizza ist fertig. Meine Hand auch. Pizzabäcker streut ganz automatisch Oregano drauf. Ich bestell mir noch Sardellen und extra Käse dazu.

Im Amtsfreibad werde ich gefesselt und ins Wasser geschmissen. Gehe manchmal unter, aber nie lange genug, um als ertrunken zu gelten.

In Amtskeller steckt man mir Nadeln in Muttermale. Manchmal blute ich, manchmal nicht.

Man befiehlt mir zu weinen. Ich weine. Kann das ganz gut. Bin also keine Hexe.

Man zieht mir einen Rock an, ich muss mich auf ein rauchendes Feuer setzen ohne Unterwäsche, die Beine spreizen und den Mund öffnen. Aus meinem Mund dringt kein Rauch. Also bin ich noch Jungfrau.

Verwirrung. Ist aber eindeutig. Gott nimmt da den Mund ganz schön voll finde ich.

Mehrere Monate vergehen. Sitze nun im Rollstuhl. Kopf verbunden. Beide Arme verbunden. Beide Füße verbunden. Alle meine Muttermale aufgestochen. Huste immer wieder Wasser aus meiner Lunge. Weine manchmal zur Vorsicht, um nicht verbrannt zu werden.

Amtsvorsteher hat noch einen Test: Ich solle mein Auto wiegen lassen. Wenn es weniger als eine Ente wiegt, ist es eine Hexe und ich muss die Strafe zahlen. Mein Auto würde dann verbrannt.

Ich schüttle den Kopf. „Das mit dem Bürokratieabbau ist schon eine gute Idee“, sage ich, „aber mir dauert das einfach zu lange.“

Ich zahle die Strafe und bekomme einen offiziellen Bescheid, dass ich noch Jungfrau sei, aber möglicherweise keine Hexe. Muss mich jetzt ein bisschen erholen.





6 11 2007

Eingeladen werden ist schön. Besonders schön ist es, von freunden eingeladen zu werden.

Am freitag, dem 9. november um 20:00 uhr werd ich in Innsbruck im Löwenhaus lesen. Organisiert wird das ganze von text ohne reiter, den engagierten vier poeten Stefan Abermann, Martin Fritz, Markus Kozuh und Robert Prosser, die die erste innsbrucker lesebühne auf den kopf ich meine die beine gestellt haben.

http://textohnereiter.com/index.php





Linzer Slam Okt. 2007

4 11 2007

Ein Text über die kommende Fußball EM 08:

 7. Juni 2008

Stellt euch vor es war krieg, aber keiner ist hingegangen. Stellt euch vor, der nachbar, der Severin Hundsbachler ist zwar schon hingegangen, aber wie dann keiner dort war ist er wieder heimgegangen.

Stellt euch vor da war ein Samstag, der 7. juni 2008, und es war noch finster in der früh so sechs uhr wars. Europa erwachte, es war eigentlich weltkrieg im Iran, ich griff an der abklingenden morgenerektion vorbei, kratzte mein skrotum und zog die jalousien hoch. Da ist es mir kalt den rücken runter gelaufen, gießkannenmäßig – steht da draußen doch ein kleines mädchen, sechs oder sieben jahresringe hätte man zählen können, hätte man sie umgeschnitten, steht da und schaut mir direkt ins zimmer rein, erdgeschoß, tiefe fenster, – Mein Gott! schrei ich weil ich hab nichts an, lass die jalousien fahren und zerre mir den morgenmantel übers körperknochengestell. Daraufhin erstmal kaffee und ein schnappserl. Schluck und schluck und großes gähnen.

Stellt euch vor da wollten zwei sich lieben und wie ist die liebe, die liebe ist, wie sie ist, wenn er da kommt ists meist zu früh, oder sie kommt gar nicht, aber draußen vor der tür ists kälter, also kuscheln sich zwei zusammen und flüstern wärme in die ohrwascheln, dann hauchen sie sich schon einmal geatmete luft in die mundlöcher, träumen von einem schloß, von amerika und am schluss steht oft ein prozess, sie stecken die nasen und zungen in feuchte äquatorialzonen, kommen dabei in haarige situationen, die so nicht gebucht waren. Besuchen sie mons veneris! Das ausflugsziel mit aussichtsplattform bietet aussicht auf ekstatische höhen, in den spendenschlitz wird ein würstel gestopft und weil sie ihm nichts herausgeben kann, lässt er eben sein genetisches erspartes in den zukunftsfond fließen, da der rest ist für dich und schweigen und ein bissl zigarettenrauch.

Stellt euch vor da war ein samstag und zwei wollten heiraten, dabei waren sie zu dritt, aber es war schon nach mittag und keiner ist gekommen, die liebe war zwar da, aber die harten kirchenbänke leer. Der bräutigam, in der hosentasche drehte er seine gesundheitskugeln, spielte sein glasperlenspiel, der pfarrer Georg Hosenband wollte noch seinen drachen töten, bevor auch er sich mit den dorftelevisionären zusammenhockte im wirtshaus also wurden versprechen mit warmen dunst in die weite kirchenkälte gehustet, dann ringe getauscht – ja und ja und vorbei.

Stellt euch vor da war ein samstag und Gott Fußball zündete mir einen dornbusch an, mit hdtv-auflösung und flach war er und voll mit plasma, dem blut des zornigen Gottes, da erschien mir im wohnzimmer der schwarze mann auf der grünen wiese der hoffnung und pfiff die heiligen märtyrer und engel zusammen, die zwei reiter, die zwillinge Trix und Flix, trieben die fans auf die tribünen, auf dass die apokalypse beginnen sollte. Europa, die königstochter, suchte ihren Zeus und darum war zwar heirat und tod und pest, aber zuallererst erste halbzeit. Da war abverkauf und verkehrsunfall, da waren wehen und kinderkriegen, heulen und zähneknirschen, aber es half alles nichts, wenn der ball rund ist und die fahnen wacheln, könnt ihr euch vorstellen es ist atomkrieg und trotzdem geht keiner hin, ihr könnt euch vorstellen, es ist der weltfrieden ausgebrochen, es ist Österreich fremdenfreundlich geworden, es ist jesus am südbahnhof angekommen, es ist der papst mama geworden, und es bleibt dabei, wenn der 7. juni 2008 angebrochen ist, steht die welt still, das jüngste gericht tagt 3 wochen lang, am ende kriegen nur die auserwählten 11 einen passierschein in das paradies und dürfen aus dem heiligen gral aus 8 kilo sterling silber champagner schlürfen.

Die restlichen gläubigen bleiben hinterm tor stehen, wimmernd vor glück und können sich auf die schultern klopfen und da klopfte es schon an der haustüre, was soll das jetzt, in der 50. minute offenbarung des johannes, die sieben siegel geöffnet, aber es klopfte immer härter, es stand die polizei da und meinte, ob ich das war, nackt, in der früh vor dem kind und was ich mir denke dabei und die eltern hätten mich angezeigt, und dem kind geht’s jetzt schlecht, und ich hab gesagt, aber es ist doch jüngstes gericht, 50. minute, kann das nicht noch drei wochen warten und außerdem wars keine absicht, das kleine mädel, wenn es sich vor fremde wohnungen stellt, das kann immer wieder wieder passieren, überhaupt ist es wie es ist, sagt die liebe, also könnts nicht wieder heimgehen, einfach, vor dem altar niederknien, so wie ich und beten, beten, drei wochen lang? Dann kann von mir aus wieder krieg sein und jeder darf hingehen, die kinder können umfallen wie die rüben, hinter meiner, vorder meiner, links, rechts, aber während der EM, wie könnt ihr arbeiten, essen, atmen während der EM? Was ist euch der ball, die weiße taube, der heilige geist? Ist er euch nichts??? Eint er nicht die welt im kampfe um das himmelreich? Und schafft arbeitsplätze?

Stellt euch vor, da haben sie mich mitgenommen und eingeliefert, mir den psychiater gezeigt und die schwestern. Da wurde der blutdruck gemessen, meine anus-temperatur notiert und medikamente verschrieben. Es wurden köpfe geschüttelt und wieder geschüttelt. Sie haben mir alles weggenommen, aber nicht meinen glauben an die moralische überlegenheit des fußballs und seiner jünger.

Stellt euch vor, es war eigentlich weltkrieg im Iran, aber keiner ist hingegangen. Stellt euch vor, der nachbar, der Severin Hundsbachler ist zwar schon hingegangen, aber wie dann keiner dort war ist er wieder heimgegangen, hat ein bier aufgemacht, die fernbedienung genommen und dann jubel und oje und tor.